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Argentinien

Iden­ti­täts­kri­se?

Als ich für ein hal­bes Jahr in Eng­land war, hat­te ich in den ers­ten zwei Mona­ten eine klei­ne Iden­ti­täts­kri­se: Obwohl ich Eng­lisch sprach, konn­te ich mich in der frem­den Spra­che nicht in gewünsch­tem Gra­de aus­drü­cken. Ich hat­te also das Gefühl, mei­ne eng­li­schen Mit­be­woh­ner ler­nen mich nicht so ken­nen, wie ich wirk­lich bin, denn dazu fehl­te ein­fach der sprach­li­che Fein­schliff. Lin­gu­is­ti­sche Vor­lie­ben wie Wort­wit­ze muss­ten da erst­mal zurück­ste­cken. Hin­zu kam ein leich­ter Kulturschock.

Das gab sich aller­dings nach zwei Mona­ten und ich konn­te mei­ne eige­ne eng­li­sche Iden­ti­tät ent­wi­ckeln, die ich jetzt immer noch gern raus­kra­me, wenn ich mich mit Eng­län­dern unter­hal­te. Das Gan­ze hat ein biss­chen was Schizophrenes.

Nun bin ich gespannt, wie es mir in Argen­ti­ni­en erge­hen wird. Ich spre­che zwar Spa­nisch, aber in weit gerin­ge­rem Maße als Eng­lisch. Das hof­fe ich natür­lich in vier Mona­ten ändern zu kön­nen. Ich erwar­te also, nach einer anfäng­li­chen mit­tel­schwe­ren Iden­ti­täts­kri­se eine argen­ti­ni­sche Per­sön­lich­keit zu ent­wi­ckeln. Wenns gut läuft, sind wir dann am Ende zusam­men mit mei­ner deut­schen Iden­ti­tät zu dritt, da ist ja dann wohl mal ne Skat­run­de ange­bracht. Schi­zo­ph­re? Nie!

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Unglaubliches

Räu­mung nach Protokoll

Ges­tern ist das seit der Wen­de besetz­te Haus in der Lie­big­stra­ße 14 in Ber­lin geräumt wor­den. Schon seit 6 Uhr mor­gens hat­ten sich vor dem Haus 2500 Poli­zis­ten auf­ge­stellt. Krieg­ar­ti­ge Sze­nen müs­sen sich dort abge­spielt haben.

Auf der einen Sei­te: die Beset­zer, ver­bar­ri­ka­diert im Haus, es ist ruhig, irgend­wo tropft ein Was­ser­hahn. Plopp, plopp, plopp, tickt er die ver­blei­ben­de Zeit zur Räu­mung davon, eine unbeug­sa­me Uhr ohne Zei­ger. In den Ecken kau­ern Gestal­ten, bereit, sich dem Unver­meid­ba­ren zu erge­ben. Ande­re ste­hen auf­recht da, ihre Kör­per sind wie Federn gespannt, die jeden Moment sprin­gen kön­nen. In einem Zim­mer wim­mert jemand leise.

Auf der ande­ren Sei­te: die Poli­zei, eine gan­ze Streit­macht. 2500 Gestal­ten in Reih und Glied, wie Streich­höl­zer in einer Schach­tel, dicht an dicht gedrängt und nur ein Fun­ken reicht, um ihre Ener­gie zu ent­fes­seln. Ein Blick in die star­ren Augen, Schweiß­trop­fen lau­fen hin­ein. Plopp, plopp, plopp, ver­net­zen sie die Sicht, aber Weg­wi­schen geht nicht, es darf kei­ne Schwä­che gezeigt werden.

So ste­hen sich die Hee­re gegen­über, die Luft ist schneid­bar, sogar mit einem But­ter­mes­ser. Zwei Ramm­bö­cke, die gleich auf­ei­ner­pral­len und eine Orgie der Zer­stö­rung hin­ter­las­sen werden.

Doch es geschieht nichts. Minu­ten ver­ge­hen, bald schon sech­zig an der Zahl, eine vol­le Stun­de und immer noch sind die Kata­pul­te aus Fleisch nicht los­ge­las­sen. Aber dann, DAAAAANN.….……kann es end­lich losgehen!

Denn um acht kommt der Gerichts­voll­zie­her mit dem Räumungsbescheid.

Schö­ne Bürokratie.

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Argentinien

Auf nach Argentinien!

Aus gege­be­nem Anlass wird mein Blog nun für die ers­te Hälf­te des Jah­res zum Rei­se­ta­ge­buch umfunk­tio­niert. Ich gehe näm­lich von Mit­te März bis Mit­te Juli nach Argen­ti­ni­en, um an der Uni­ver­si­dad Nacio­nal de Tucumán ein Prak­ti­kum zu machen. („Ach ja, Argen­ti­ni­en, das ist doch das Euro­pa Süd­ame­ri­kas.”) Und da ich nicht alle zwei Wochen an Dut­zen­de von Leu­ten Brie­fe schrei­ben will, kön­nen Inter­es­sier­te sich nun hier über mei­ne Erleb­nis­se informieren.

Im Vor­feld gibt es schon­mal aller­hand zu orga­ni­sie­ren: Rei­se­zu­schüs­se, Imp­fun­gen, Ver­si­che­run­gen, Flug­bu­chun­gen, … Eine nicht enden wol­len­de Lis­te von Büro­kra­tia. Hät­te ich in all den War­te­zei­ten, die ich in den letz­ten Wochen für diver­se Sprech­stun­den ver­bracht habe, Gewich­te gestemmt, könn­te ich jetzt ohne ernst­haf­te Kon­kur­renz den Ms. Olym­pia-Titel ein­fah­ren.

Doch nun ist mehr oder weni­ger alles erle­digt (nur noch zwi­schen­drin eben mei­ne ers­te von zwei Magis­ter­prü­fun­gen bestehen) und bald gehts los. Noch fünf­zig­mal schlafen.

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Gedachtes

Ama­zon, Ama­zo­nen, am azonsten

Bis­her hielt ich Ama­zon für eine seriö­se Platt­form. Doch seit heu­te zweif­le ich an ihrer unbe­rühr­ten Skan­dal­frei­heit. Eine Freun­din wies mich näm­lich auf fol­gen­des Pro­dukt hin: das Wen­ger Schwei­zer Offi­ziers­mes­ser Giant Mes­ser (mit Scha­tul­le). Und so sieht es aus:

Wenger Offiziersmesser

Der schie­re Wahn­sinn der Exis­tenz eines sol­chen Mes­sers war es aber noch nicht allein, was mich stut­zig gemacht hat. Liest man sich näm­lich die Kun­den­re­zen­sio­nen durch, merkt man sehr schnell, dass die­ses Mes­ser and­schei­nend nicht ernst­haft rezen­siert wer­den kann. Obwohl die Bewer­tun­gen äußerst amü­sant sind, wage ich zu bezwei­feln, dass deren iro­ni­scher Unter­ton an der Ama­zon-Selbst­zen­sur-Abtei­lung vor­bei­ge­gan­gen ist. Das wür­de bedeu­ten, dass Ama­zon es zulässt, dass man irgend­ei­nen Quatsch in die Rezen­sio­nen schrei­ben kann.

Und da fra­ge ich mich, inwie­fern dies die Seriö­si­tät des Por­tals infra­ge stellt? Natür­lich soll man sich nicht auf das Inter­net ver­las­sen, wenn man veri­fi­zier­te Daten möch­te, aber Ama­zon…? Viel­leicht haben die bei Ama­zon ja auch ein Mes­ser-Trau­ma, immer­hin schnit­ten sich die namens­ge­ben­den Ama­zo­nen damals eine Brust ab. Auf jeden Fall wür­de es mich nicht wun­dern, wenn sie dazu ein Wen­ger Schwei­zer Offi­ziers­mes­ser Giant Mes­ser (mit Scha­tul­le) benutzt hät­ten, denn sicher fin­det sich unter den 141 Funk­tio­nen auch eine fürs Brustabschneiden.

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Gedachtes

Ein Hoch auf uns­re Busfahrer!

Vor genau einem Jahr habe ich mich über die zwi­schen­mensch­lich-sozi­al desen­si­bi­li­sier­ten Bus­fah­rer Pots­dams mokiert. Ich muss mei­ne Ansicht mitt­ler­wei­le aber bis zu einem gewis­sen Grad revi­die­ren. Zwar hat sich ver­hal­tens­tech­nisch nichts geän­dert, aber der dies­jäh­ri­ge Win­ter, der mal wie­der alle über­rascht hat, weil er viel zu schnell und viel zu inten­siv kam (man gewöhnt sich ein­fach nie dran, kaum kommt der Dezem­ber – schwupps! ist auch schon Win­ter), lie­fert eine klei­ne Ent­schul­di­gung für das Ver­hal­ten der Bus­fah­rer: sie sind näm­lich gestresst.

Und da durf­te ich doch tat­säch­lich inner­halb weni­ger Wochen zwei Glanz­leis­tun­gen der loka­len Fah­rer beob­ach­ten, die mei­ne Bewun­de­rung her­vor­rie­fen und mei­ne Moti­va­ti­on, sie wei­ter­hin freund­lich zu grü­ßen, stei­ger­te. Bei­de Vor­fäl­le fan­den auf dem abend­li­chen Heim­weg vom sehr abseits gele­ge­nen Cam­pus Golm statt:

Das ers­te Mal woll­te sich der Bus wie gewöhn­lich durch die schmal­ge­bau­te 30er-Zone des Gol­mer Wohn­ge­biets schlän­geln. Als der 15m lan­ge Gelenk­bus schon um die Kur­ve gebo­gen war, stör­te dann doch das eine falsch­ge­park­te Auto und wir steck­ten fest. Jeg­li­ches Vor- und Zurück­sto­ßen ver­schlim­mer­te die Lage nur. Auch dass wir Fahr­gäs­te ver­such­ten, das Auto weg­zu­tra­gen, trug nicht posi­tiv zur Ver­än­de­rung der Situa­ti­on bei. Schließ­lich schaff­te es der Bus­fah­rer durch mil­li­me­ter­ge­nau­es Ran­gie­ren, den Bus und damit uns aus der miss­li­chen Lage zu befrei­en. Echt eine Wahnsinnsleistung.

Das zwei­te Ereig­nis erleb­te ich, als es abends anfing zu schnei­en, nach­dem den gan­zen Tag lang Gra­de um die Null über­all Schnee­matsch ver­ur­sacht hat­ten. Die Stra­ße war also extrem glatt und lei­der befin­det sich die Bus­hal­te­stel­le genau in einer Sen­ke, sodass man bei die­sem Wet­ter Anlauf neh­men muss, um wie­der aus der Sen­ke her­aus­zu­kom­men. Die­sen Anlauf hat­te der Bus aber nicht (weil er ja hal­ten muss­te, um uns ein­zu­sam­meln). Des­halb muss­te der Fah­rer drei­mal mit sei­nem Rie­sen­ge­lenk­bus zurück­sto­ßen, bis er auf der ande­ren Sei­te so weit die Sen­ke wie­der rauf­ge­krab­belt war, dass er genug Anlauf neh­men konn­te. Die Ver­kehrs­in­sel in der Mit­te der Stra­ße, die die Spur noch ver­schmä­ler­te, trug nicht hel­fend zur Ver­bes­se­rung der Umstän­de bei. Als der Bus­fah­rer das Hin­der­nis über­wun­den hat­te und wir unse­ren Weg fort­set­zen konn­ten, klatsch­ten wir alle bewun­dernd wie Tou­ris­ten in einem Mal­lor­caf­lie­ger, wenn der Pilot gelan­det ist.

Des­halb also mei­ne neu­en Vor­sät­ze für die­ses Jahr: Nach­sich­tig sein, auch wenn die sozia­le Kome­pe­tenz der Pots­da­mer Bus­fah­rer mal wie­der auf dem Tief­punkt ange­kom­men ist; sie habens halt echt nicht leicht.