Unse­re lie­ben klei­nen All­tags­ras­sis­men

Jaja, wir sind ja alle ach so offen, tole­rant, kos­mo­po­li­tisch, welt­bür­ger­lich und wie sie noch so alle hei­ßen, die­se Volks­krank­hei­ten. Ey duuuuu, ja weiß­te ich kenn das, das hab ich mal auf ner Back­packing­tour durch Süd­ost­asi­en mit­er­lebt, das war so’n total inter­kul­tu­rel­les Erleb­nis so total anders da, ich hab mich dann voll inte­griert gefühlt. Sol­che oder ähn­li­che Urlaubs­er­zäh­lun­gen, gespickt mit Frem­den­freund­lich­keit, hat man ja öfter schon gehört.

Is ja auch okay.

Blöd nur, wenn mAlltagsrassismen01an die­se Welt­of­fen­heit und Tole­ranz im All­tag dann nicht lebt. Oder wie soll ich mir sonst das dies­wö­chi­ge Ange­bot von Kauf­land erklä­ren???

Da das sicher auch Leu­te kau­fen (Nach­fra­ge und Ange­bot und so),  scheint sich die Gesell­schaft also immer noch in den schö­nen klei­nen unre­flek­tier­ten All­tags­ras­sis­men zu suh­len und zu son­nen.

Man weiß bei den Bil­dern gar nicht, wo man anfan­gen soll, Anstoß zu neh­men. Ist es die ser­vil-devo­te Skla­ven­po­si­ti­on der Frau? Oder dass Afri­ka auf jeden Fall mit einem Ele­fan­ten gleich­zu­set­zen ist? Oder das dunk­le Holz? Mal abge­se­hen davon, dass die der­ar­ti­ge Dar­stel­lung von Tie­ren und Frau­en bei mir ganz laut die Edward Said-Glo­cke läu­ten und micAlltagsrassismen02h an Ori­en­ta­lis­mus den­ken lässt.

Mal ehr­lich, wo soll das noch hin­füh­ren? Am Ende zu grie­chi­schen Hir­ten auf Feta­kä­se­ver­pa­ckun­gen oder zu Schmerz­mit­tel­wer­bung mit indi­ge­nen Nord­ame­ri­ka­nern. Dann hört der Spaß aber auf.

Die Uner­schro­cke­nen

Mein abso­lu­tes Hight­light heu­te bewies mal wie­der, wie uner­schro­cken die Argen­ti­nie­rIn­nen sind.

Ich war im Museo de la Poli­cía Federal. Die ers­ten Räu­me waren noch rela­tiv lang­wei­lig; Uni­for­men, Abzei­chen und Fah­nen aus allen Epo­chen und Län­dern. Außer­dem Gemäl­de und Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de. Danach folg­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel wie Tele­fo­ne, Funk- und Abhör­ge­rä­te. Ich woll­te schon gehen, aber die Auf­se­he­rin mach­te mich dar­auf auf­merk­sam, dass es noch ein zwei­tes Stock­werk gebe.

Ich also Trep­pe hoch und da wur­de es tat­säch­lich span­nend. Im ers­ten Raum erfuhr man alles Wis­sens­wer­te über Dro­gen und ver­schie­de­ne Arten, die­se zu ver­ste­cken und zu schmug­geln. Das Alles bekränzt von Auf­nah­men, die dro­gen­kon­su­mie­ren­de Men­schen zeig­ten.

Auch weiß ich jetzt ganz genau, wie man Falsch­geld von ech­tem unter­schei­det und — noch bes­ser — wie man Falsch­geld her­stellt.

Im vor­letz­ten Raum, unschul­di­ge Erklä­run­gen zur Abnah­me von Fin­ger­ab­drü­cken und der Iden­ti­fi­zie­rung von Ver­bre­chern.

Aber der Ober­ham­mer kam im hin­ter­letz­ten Aus­stel­lungs­stüb­chen. Ich ging dort hin­ein, ganz unvor­ein­ge­nom­men, denn es gab natür­lich nicht ein Warn­schild. Beschert wur­den mir äußerst detail­lier­te Foto­gra­fi­en von Mord­op­fern, und zwar ech­ten Mord­op­fern. Erwürgt, erhängt, ersto­chen, erschos­sen, ver­gif­tet,  zer­stü­ckelt, ver­bud­delt und wie­der aus­ge­gra­ben. Eine graus­li­ge Sin­fo­nie und Anre­gung für poten­ti­el­le Mör­der. Gut, dass mich kei­ner sah, wie ich mit halb­ge­schlos­se­nen Augen die Wän­de abscann­te und schließ­lich ent­schied, dass es selbst für mich zu extrem war.

Mein Tipp mit dem Warn­schild wur­de von der Auf­se­he­rin schmun­zelnd abge­tan, dies sei wohl nicht not­wen­dig. Dafür fiel sie aber aus allen Wol­ken, als ich ihr erzähl­te, in wel­cher Stra­ße von Bue­nos Aires sich mein Hos­tel befin­det. Klei­ne Anmer­kung: Es han­delt sich hier­bei um das Vier­tel San Tel­mo, ein bun­tes, boden­stän­di­ges Vier­tel, aber eben ohne Schi­cki­mi­cki. Sie befand es als viel zu gefähr­lich, als Brut­stät­te für Kri­mi­nel­le und sorg­te sich sehr um mich.

Auf mei­ne Ver­mu­tung hin, dass sie wohl zu oft in das erwähn­te Hin­ter­zim­mer­chen gegan­gen sei, lach­te sie und zog ein Warn­schild doch noch in Betracht.

Die letz­ten Male

Weil nun die letz­te Woche in Tucumán anbricht, mache ich somit auch alles zum let­zen Mal.

Zum letz­ten Mal Sprech­stun­de haben.
Zum letz­ten Mal das Semi­nar über die deut­sche Spra­che und Kul­tur hal­ten.
Zum letz­ten Mal Nach­hil­fe geben.
Zum letz­ten Mal Bus fah­ren.
Zum letz­ten Mal Wäsche waschen.
Zum letz­ten Mal in den Super­markt gehen.
Zum letz­ten Mal ganz vie­le lie­be Leu­te sehen.

Und am Sams­tag war für mich das letz­te Mal Stamm­tisch. Zum Schluss (was eigent­lich nur der Schluss in jenem Lokal war, denn wir zogen danach noch wei­ter) saßen wir zu viert, wein­trin­kend und rau­chend, und die ande­ren drei anwe­sen­den Argen­ti­ni­er unter­hiel­ten sich über die deut­sche Men­ta­li­tät. Sie stell­ten fest, dass der Unter­schied zwi­schen der deut­schen und der argen­ti­ni­schen Men­ta­li­tät fol­gen­der ist: Hier ist man immer schnell Freund mit jeman­dem, die per­sön­li­che Distanz ist eher gering. Die drei — die alle schon ein­mal in Deutsch­land waren — waren geschlos­sen der Mei­nung, dass es zwar ewig dau­ert, bis man an die Deut­schen her­an­kommt. Hat man aber erst Freund­schafts­ban­de geknüpft, wer­den die­se wahr­schein­lich nie wie­der gelöst.

Mir ist schon in frü­he­ren Gesprä­chen mit Leu­ten aus ande­ren Län­dern die­ser Umstand berich­tet wor­den, aber trotz­dem hat es mich doch am Sams­tag ein biss­chen gerührt.

Der Wahr­heits­ge­halt latein­ame­ri­ka­ni­scher Kli­schees

Die meis­ten von euch den­ken, wenn es um Latein­ame­ri­ka und spe­zi­ell Argen­ti­ni­en geht, sicher an bestimm­te Kli­schees: Gau­chos, Tan­go und Rind­fleisch sind meis­tens alles, was man vom wei­ten Land auf der ande­ren Sei­te des atlan­ti­schen Oze­ans kennt.

Lasst euch gesagt sein, dass alle Kli­schees, die ihr kennt, wahr sind und ihre Berech­ti­gung haben.(*)

  • Der Katho­li­zis­mus prägt das Leben der Men­schen. Es gibt nicht nur sehr vie­le Kir­chen, in denen man immer die obli­ga­to­ri­sche Jung­frau­en­sta­tue besich­ti­gen kann. Zudem wird man — in einem Bus sit­zend — jedes­mal der unter­schwel­li­gen Macht der Kir­che gewahr, wenn plötz­lich die Mehr­heit der Insas­sen im Gespräch mit den Neben­sit­zern inne­hält und sich bekreu­zigt.
  • Auch in Sachen Men­ta­li­tät gibt es kei­ne Über­ra­schun­gen. Man sagt, die Latein­ame­ri­ka­ner sei­en laut, auf­ge­schlos­sen, unor­ga­ni­siert, unvor­ein­ge­nom­men, hilfs­be­reit, gast­freund­lich, und alles geht drun­ter und drü­ber. Das stimmt!
  • Bei einem Spa­zier­gang durch die Stra­ßen jeder belie­bi­gen Stadt kann man die typi­sche kolo­nia­le Archi­tek­tur bestau­nen, die tat­säch­lich so aus­sieht, wie in den Fil­men. An allen Orten bun­te Häu­ser, Kolo­ni­al­bau­ten, alles wirkt teil­wei­se etwas ver­wahr­lost aber trotz­dem irgend­wie schön.
  • Kunst­hand­werk und Kul­tur ent­spre­chen der euro­päi­schen Sti­li­sie­rung. Hand­ge­klöp­pel­te Indio­tep­pi­che und Pan­flö­ten; das gibt es hier nicht nur an jeder Ecke zu kau­fen, son­dern befin­det sich wirk­lich in jedem Haus­halt als Teil der ganz nor­ma­len Ein­rich­tung und wird benutzt. Die „Inka­pan­flö­ten­in­dia­ner“ (O‑Ton Micha­el Mit­ter­mei­er) der euro­päi­schen Fuß­gän­ger­zo­nen sind kei­ne Erfin­dung, son­dern ein direk­ter Import.
  • Es gibt sie wirk­lich, die latein­ame­ri­ka­ni­schen Mami­tas! Wie man das erwar­tet, sind sie alle­samt dick und abso­lut lie­bens­wür­dig.
  • Und spe­zi­ell für Argen­ti­ni­en: Gau­chos, Tan­go und Rind­fleisch sind in der Tat das Kul­tur­gut die­ses Lan­des und wer­den inten­siv aus­ge­lebt.

(*) Es bleibt anzu­mer­ken, dass ich euch die­sen sub­jek­ti­ven Ein­druck mit einem zwin­kern­den Auge schil­de­re. Natür­lich gibt es hier noch sehr viel mehr zu erfah­ren als die Erfül­lung erwar­te­ter Kli­schees. Aber wer ein gewis­ses Bild von Süd­ame­ri­ka hat, wird dahin­ge­hend auf jeden Fall nicht ent­täuscht wer­den.

Und täg­lich grüßt die sel­be Lei­er

Die­ses Wochen­en­de kam in Gesprä­chen mit deutsch­spra­chi­gen Tucumán-Bewoh­nern zufäl­li­ger­wei­se mehr­mals das sel­be The­ma auf.

Wenn man in Argen­ti­ni­en (und spe­zi­ell in Tucumán) jeman­den ken­nen­lernt, braucht man noch nicht ein­mal den Mund auf­zu­ma­chen und schon wer­den einem immer die glei­chen drei Fra­gen gestellt:

¿De dón­de sos? (Wo kommst du her?)
¿Hace cuán­do que estás acá? (Seit wann bist du hier?)
¿Te gus­ta Tucumán? (Gefällt dir Tucumán?)

Unge­zähl­te Male des Hörens der immer iden­ti­schen Fra­gen — und merk­wür­di­ger­wei­se immer in der­sel­ben For­mu­lie­rung — hel­fen einem, aus­ge­klü­gel­te Ant­wor­ten zu fin­den. Dabei kann man nicht nur mit sei­ner wie aus der Pis­to­le geschos­se­nen Ant­wort glän­zen, son­dern fin­det jedes Mal auch bes­se­re Mög­lich­kei­ten, um Kri­tik diplo­ma­tisch zu for­mu­lie­ren.

So ist mei­ne Ant­wort auf die letz­te Fra­ge immer:

Sí mucho, pero el cli­ma me mata. (Ja sehr, aber das Kli­ma macht mir zu schaf­fen.)

Man kann sich auch den Spaß dar­aus machen, auf die letz­te Fra­ge mit „no” zu ant­wor­ten. Das bringt die meis­ten Fra­ge­stel­ler aus der Bahn und zum Been­den des Gesprächs.

Für mich, die ich nur vier Mona­te in Tucumán bin, ist das nicht ganz so schlimm. Eine öster­rei­chi­sche Stu­den­tin jedoch, die schon 6 Jah­re hier ist und per­fekt tucu­ma­no bási­co spricht, lei­det schon län­ger unter der alten Lei­er. Sie lässt sich daher sto­isch die Ant­wor­ten aus der Nase zie­hen und ent­geg­net auf die drit­te Fra­ge:

Obvia­men­te. (Offen­sicht­lich.)

Mei­ne Über­schla­gun­gen haben erge­ben, dass bei vier­mo­na­ti­gem Auf­ent­halt, in dem mir ca. 30 Mal genau die­se Fra­gen gestellt wur­den, ihr bei 6 Jah­ren hier 720 mal das sel­be pas­siert sein muss.

Sie hat beschlos­sen, ihre Dok­tor­ar­beit zu die­sem The­ma zu schrei­ben.