Unse­re lie­ben klei­nen All­tags­ras­sis­men

Jaja, wir sind ja alle ach so offen, tole­rant, kos­mo­po­li­tisch, welt­bür­ger­lich und wie sie noch so alle hei­ßen, die­se Volks­krank­hei­ten. Ey duuuuu, ja weiß­te ich kenn das, das hab ich mal auf ner Back­packing­tour durch Süd­ost­asi­en mit­er­lebt, das war so’n total inter­kul­tu­rel­les Erleb­nis so total anders da, ich hab mich dann voll inte­griert gefühlt. Sol­che oder ähn­li­che Urlaubs­er­zäh­lun­gen, gespickt mit Frem­den­freund­lich­keit, hat man ja öfter schon gehört.

Is ja auch okay.

Blöd nur, wenn mAlltagsrassismen01an die­se Welt­of­fen­heit und Tole­ranz im All­tag dann nicht lebt. Oder wie soll ich mir sonst das dies­wö­chi­ge Ange­bot von Kauf­land erklä­ren???

Da das sicher auch Leu­te kau­fen (Nach­fra­ge und Ange­bot und so),  scheint sich die Gesell­schaft also immer noch in den schö­nen klei­nen unre­flek­tier­ten All­tags­ras­sis­men zu suh­len und zu son­nen.

Man weiß bei den Bil­dern gar nicht, wo man anfan­gen soll, Anstoß zu neh­men. Ist es die ser­vil-devo­te Skla­ven­po­si­ti­on der Frau? Oder dass Afri­ka auf jeden Fall mit einem Ele­fan­ten gleich­zu­set­zen ist? Oder das dunk­le Holz? Mal abge­se­hen davon, dass die der­ar­ti­ge Dar­stel­lung von Tie­ren und Frau­en bei mir ganz laut die Edward Said-Glo­cke läu­ten und micAlltagsrassismen02h an Ori­en­ta­lis­mus den­ken lässt.

Mal ehr­lich, wo soll das noch hin­füh­ren? Am Ende zu grie­chi­schen Hir­ten auf Feta­kä­se­ver­pa­ckun­gen oder zu Schmerz­mit­tel­wer­bung mit indi­ge­nen Nord­ame­ri­ka­nern. Dann hört der Spaß aber auf.

Klo­misch

Eine ganz beson­de­re Kurio­si­tät möch­te ich euch nicht vor­ent­hal­ten. Man wirft hier das Klo­pa­pier nicht ins Klo, son­dern in den Müll­ei­mer. War­um das so ist, habe ich mir bis­her noch nicht glaub­haft erklä­ren las­sen kön­nen.

Man sagt, weil sonst das Klo ver­stopft. Aber die Klo­spü­lun­gen funk­tio­nie­ren eigent­lich alle ganz gut. Ich jeden­falls fin­de das unhy­gie­nisch, wei­ge­re mich gegen die­se Art der Akkul­tu­ra­li­sie­rung und wer­fe wei­ter­hin das Klo­pa­pier ins Klo.

Wie neu­ge­bo­ren

Ich füh­le mich gera­de wie neu­ge­bo­ren. Ab Don­ners­tag besu­chen mich näm­lich mei­ne Mut­ter und mei­ne Schwes­ter.  Sie kom­men vor­mit­tags in Cór­do­ba an, wes­halb ich einen Flug von Tucumán nach Cór­do­ba mit der Flug­ge­sell­schaft Sol gebucht hat­te.

Heu­te mor­gen erhielt ich eine E‑Mail, dass mein Flug jedoch gestri­chen wur­de. Im ers­ten Moment reg­te ich mich natür­lich tie­risch auf und woll­te, dass sie mir einen ande­ren (bes­se­ren) Flug anbie­ten. Als ich dies mei­ner Mit­be­woh­ne­rin erzähl­te, berich­te­te sie mir, dass es vor ein paar Wochen zu einem Flug­zeug­ab­sturz ohne Über­le­ben­de bei Sol gekom­men war, und das zum wie­der­hol­ten Male.

Lie­bens­wer­ter Wei­se rief mei­ne Mit­be­woh­ne­rin bei der Hot­line an und fand her­aus, dass mein Flug­zeug vom glei­chen Typ wie die abge­stürz­te Maschi­ne gewe­sen wäre. Einen Ersatz­flug am sel­ben Tag mit Sol lehn­te ich ab und las­se mir nun lie­ber das Geld für den Flug erstat­ten.

Somit fah­re ich jetzt am Don­ners­tag mal wie­der mit dem Bus. Das dau­ert zwar län­ger, aber er kommt wenigs­tens an.

Übri­gens: Der Name „Sol“ erin­nert mich an Ika­rus, der auch zu nah an die Son­ne her­an flog und dann abstürz­te.

Beim Zoll

Die Müh­len der Demo­kra­tie mah­len hier auch nicht schnel­ler als in Deutsch­land. Beim Zoll hat man sogar das Gefühl, dass die Müh­len drin­gend mal wie­der geölt wer­den soll­ten.

Genau da muss­te ich näm­lich die­se Woche hin, weil wir aus Deutsch­land eine Ladung Bücher bekom­men haben, um den Hand­ap­pa­rat zu erwei­tern. Da in Argen­ti­ni­en sehr hohe Ein­füh­rungs­ge­büh­ren erho­ben wer­den, muss jedes grö­ße­re Paket erst ein­mal durch den Zoll.

Fol­gen­der­ma­ßen läuft das ab:

  1. Man bekommt einen Lie­fer­schein, dass das Paket da ist.
  2. Zu einer bestimm­ten Zeit (ca. 4h in der Woche) ruft man beim Zoll an und mel­det sich für die nächs­te Öff­nungs­zeit an.
  3. Man geht mit der Benach­rich­ti­gung und dem Pass zur Sprech­stun­de zum Zoll in ein klei­nes Büro im vier­ten Stock, wo ein Mann sitzt, der defi­ni­tiv — sei­ner Grum­me­lig­keit und sei­ner Arbeits­ein­stel­lung nach zu urtei­len — deut­sche Beam­ten als Vor­fah­ren hat. Die­ser über­prüft die Daten, nimmt das Paket unter den Arm und zusam­men mar­schiert man ein Stock­werk tie­fer. Meist ver­sucht der Mensch, ein paar Pesos „Gebüh­ren” zu kas­sie­ren; man soll­te beharr­lich blei­ben und die­se „Gebüh­ren” nicht bezah­len.
  4. Man war­tet, bis man auf­ge­ru­fen wird.
  5. Das Paket wird geöff­net und der innen befind­li­che Lie­fer­schein wird auf Kor­rekt­heit über­prüft.
  6. Das Paket wird wie­der zuge­macht und man geht…
  7. …mit dem Lie­fer­schein zur Uni­ver­si­tät (in unse­rem Fall), wo eine Dame eine Beschei­ni­gung aus­stellt und noch ande­re For­ma­li­tä­ten erle­digt.
  8. Eini­ge Zeit spä­ter kann man sich mit dem abge­seg­ne­ten Lie­fer­schein wie­der der glei­chen Pro­ze­dur unter­zie­hen, also:
  9. beim Zoll anru­fen,
  10. in den vier­ten Stock gehen,
  11. mit dem Mann und dem Paket in den drit­ten Stock gehen,
  12. war­ten.
  13. Und dann — wenn man Glück hat — darf man das Paket mit­neh­men.

Das Gan­ze wird noch etwas kom­pli­zier­ter, wenn eine ande­re Per­son die Lie­fe­rung abho­len soll. Außer­dem ging es bei uns rela­tiv rei­bungs­los, weil es sich nur um Bücher han­del­te und außer­dem auch mit der Uni­ver­si­tät eine staat­li­che Insti­tu­ti­on mit im Spiel war. Zusätz­lich muss man nor­ma­ler­wei­se noch einen gewis­sen Pro­zent­satz des Paket­wer­tes an Steu­ern bezah­len.

Also bit­te, schickt mir kei­ne Pake­te!

War­um man mich heu­te für kri­mi­nell hielt

Ich war vor­hin im Super­markt, weil ich noch ein paar Ein­käu­fe für mei­ne mor­gi­ge Rei­se nach Til­ca­ra machen woll­te.

Dass ich mich an der Kas­se immer mit Hän­den und Füßen gegen die Plas­tik­tü­ten weh­ren muss, die mir die Kas­sie­re­rIn­nen auf­zwän­gen wol­len, bin ich mitt­ler­wei­le gewöhnt. Auch dar­an, dass ich auf mein vehe­men­tes Kopf­schüt­teln und mein „No nece­si­to una bol­sa, quie­ro pro­te­ger la natu­ra­le­za” („Ich brau­che kei­ne Tüte, ich will die Natur schüt­zen”) hin immer merk­wür­dig ange­schaut wer­de. Und ich mache mir auch nichts mehr draus, dass mei­ne Jute­ta­sche (auf der sogar Wer­bung des DAADs für das Stu­di­um in Deutsch­land steht) miss­trau­isch beäugt wird.

Aber vor­hin wur­de ich dank mei­nes Umwelt­be­wusst­seins sogar für kri­mi­nell gehal­ten. Als ich näm­lich schon durch den Kas­sen­be­reich durch war, und gera­de mei­ne Ein­käu­fe in mei­nem Arse­nal an mit­ge­brach­ten Taschen ver­stau­en woll­te, wur­de ich vom Super­markt­se­cu­ri­ty­mann ange­spro­chen. Er woll­te ger­ne mal mei­nen Kas­sen­bon sehen. Aus­gie­big über­prüf­te er, ob auch wirk­lich alle mei­ne Pro­duk­te auf dem Zet­tel stan­den. Da ich mir natür­lich kei­ner Schuld bewusst war, woll­te ich ger­ne wis­sen, was das Pro­blem sei. Er frag­te mich, war­um ich denn mei­ne Sachen nicht in Plas­tik­tü­ten gepackt hät­te.

Da konn­te ich mal wie­der nur schul­ter­zu­ckend ant­wor­ten: „Quie­ro pro­te­ger la natu­ra­le­za.”