Unse­re lie­ben klei­nen All­tags­ras­sis­men

Jaja, wir sind ja alle ach so offen, tole­rant, kos­mo­po­li­tisch, welt­bür­ger­lich und wie sie noch so alle hei­ßen, die­se Volks­krank­hei­ten. Ey duuuuu, ja weiß­te ich kenn das, das hab ich mal auf ner Back­packing­tour durch Süd­ost­asi­en mit­er­lebt, das war so’n total inter­kul­tu­rel­les Erleb­nis so total anders da, ich hab mich dann voll inte­griert gefühlt. Sol­che oder ähn­li­che Urlaubs­er­zäh­lun­gen, gespickt mit Frem­den­freund­lich­keit, hat man ja öfter schon gehört.

Is ja auch okay.

Blöd nur, wenn mAlltagsrassismen01an die­se Welt­of­fen­heit und Tole­ranz im All­tag dann nicht lebt. Oder wie soll ich mir sonst das dies­wö­chi­ge Ange­bot von Kauf­land erklä­ren???

Da das sicher auch Leu­te kau­fen (Nach­fra­ge und Ange­bot und so),  scheint sich die Gesell­schaft also immer noch in den schö­nen klei­nen unre­flek­tier­ten All­tags­ras­sis­men zu suh­len und zu son­nen.

Man weiß bei den Bil­dern gar nicht, wo man anfan­gen soll, Anstoß zu neh­men. Ist es die ser­vil-devo­te Skla­ven­po­si­ti­on der Frau? Oder dass Afri­ka auf jeden Fall mit einem Ele­fan­ten gleich­zu­set­zen ist? Oder das dunk­le Holz? Mal abge­se­hen davon, dass die der­ar­ti­ge Dar­stel­lung von Tie­ren und Frau­en bei mir ganz laut die Edward Said-Glo­cke läu­ten und micAlltagsrassismen02h an Ori­en­ta­lis­mus den­ken lässt.

Mal ehr­lich, wo soll das noch hin­füh­ren? Am Ende zu grie­chi­schen Hir­ten auf Feta­kä­se­ver­pa­ckun­gen oder zu Schmerz­mit­tel­wer­bung mit indi­ge­nen Nord­ame­ri­ka­nern. Dann hört der Spaß aber auf.

So nicht, Freund­chen!

Zum Schluss will mich Argen­ti­ni­en noch ein­mal kräf­tig ärgern.

Ich habe bereits ange­deu­tet, dass hier nichts funk­tio­niert und man auf alles ewig war­ten muss. Die­se Woche muss­te ich mich gleich drei­mal der Dys­funk­tio­na­li­tät des Lan­des beu­gen.

Ein Paket, das vor einem Monat in Deutsch­land abge­schickt wur­de (mein Geburts­tags­ge­schenk), ist immer noch nicht ange­kom­men. Weil der Zoll in die­sem Moment schließt und nur diens­tags und don­ners­tags offen hat, wer­de ich vor mei­nem Geburts­tag nicht mehr in des­sen Besitz kom­men. Immer­hin, eine Freun­din wird mit einer von mir erstell­ten Voll­macht ver­su­chen, doch noch an das Päck­chen zu gelan­gen.

Wei­ter­hin dau­ert es im Fach­ge­schäft für Video­tech­nik sage und schrei­be eine Woche, bis man ein Video auf eine DVD über­spielt hat. Die­se Arbeit konn­te ich also auch nicht mehr erle­di­gen.

Und dann scheint der ach so har­te Win­ter (in der Son­ne schwitzt man dann doch mit Jacke) der regel­mä­ßi­gen Was­ser­lie­fe­rung im Wege zu ste­hen.

Zur Erklä­rung: Es gibt hier nicht so etwas wie nor­ma­le Lei­tun­gen, aus denen wie durch Zau­be­rei in uner­schöpf­li­chem Reich­tum Was­ser fließt. Nein, hier wird man noch der wahn­sin­ni­gen Leis­tung euro­päi­scher Infra­struk­tur gewahr, denn jede Nacht, so gegen Geis­ter­stun­de, plät­schert es plötz­lich über, neben, unter einem. Das sind die flei­ßi­gen Bien­chen der Was­ser­wer­ke, die die Tän­ke — jedes Haus teilt sich einen Tank — mit Was­ser befül­len. Weil das aber nicht immer so klappt, waren wir die­se Woche mal wie­der einen gan­zen Tag ohne Was­ser. Dadurch kann sich alles — waschen, kochen, Zäh­ne put­zen, aufs Klo gehen — äußerst schwie­rig gestal­ten.

Prag­ma­ti­scher­wei­se haben wir Dut­zen­de im Vor­feld befüll­te Was­ser­ka­nis­ter her­um­ste­hen. Trotz­dem sieht man bei die­ser Ange­le­gen­heit deut­lich die sozia­le Sche­re, bei der in Argen­ti­ni­en wohl das Schräub­chen in der Mit­te fehlt: Wir woh­nen in einem Vier­tel mit nor­ma­len Leu­ten (unte­re Mit­tel­schicht), wäh­rend die High Socie­ty in den Vor­städ­ten im Nor­mal­fall kei­ne Pro­ble­me mit der Was­ser­be­lie­fe­rung hat.

Argen­ti­ni­en zeigt mir also noch­mal, was es so drauf hat. Aber nicht mit mir Freund­chen! Bei allen Unan­nehm­lich­kei­ten, Schwie­rig­kei­ten, Ver­zö­ge­run­gen und Stei­nen im Weg… ich mag dich trotz­dem!

¡Dage­gen!

Ich wur­de zwar schon vor­ge­warnt, aber jetzt ist es mir auch auf­ge­fal­len: Die Argen­ti­ni­er pro­tes­tie­ren wirk­lich gegen alles. Ständig ist irgend­wo ein Streik, eine Demo oder eine Pro­test­ver­an­stal­tung. In der letz­ten Woche waren es bei­spiels­wei­se die Stu­die­ren­den der Facul­tad de Filo­sofía y Letras, die einen Auf­stand mach­ten, weil das Dach der Fakultät ein­ge­stürzt ist und kei­ner die Infos wei­ter­lei­tet, wann denn nun wei­ter­stu­diert wer­den kann. Außer­dem streik­te auch die Poli­zei, die mehr Lohn woll­te (wahr­schein­lich berech­tig­ter­wei­se).

Die Öffent­lich­keit stört sich nicht wei­ter dran, son­dern fin­det das Gan­ze in Ord­nung (wahr­schein­lich, weil man selbst ger­ne streikt).

Auf der einen Sei­te ist es natür­lich toll, dass die Argen­ti­ni­er so lei­den­schaft­lich für ihre Rech­te ein­tre­ten. Auf der ande­ren Sei­te liegt dadurch ein gro­ßer Teil des öffent­li­chen Lebens oft lahm, sodass sich das Land meist selbst im Weg steht.

Gewis­sens­fra­ge

Zur Zeit bin ich auf Woh­nungs­su­che. Ich habe einer­seits die Opti­on, in eine WG zu zie­hen, wobei sich die Suche eini­ger­ma­ßen schwie­rig gestal­tet: die meis­ten Zim­mer sind zwar ziem­lich güns­tig, aber dafür müss­te ich sie mir mit einer ande­ren Per­son tei­len. Ich schlie­ße die Mög­lich­keit zwar nicht aus, doch noch ein Ein­zel­zim­mer zu fin­den, aber sicher ist das nicht.

Auf der ande­ren Sei­te könn­te ich sofort bei einer Fami­lie ein­zie­hen, die aller­dings einen statt­li­chen Preis für das (rela­tiv klei­ne) Zim­mer ver­langt. Dafür wür­de ich aber in einer Top­ge­gend woh­nen, mit Pool auf dem Dach, Essen und Waschen inklu­si­ve, und mit: Haus­mäd­chen. Und das ist auch der Nach­teil. Wie mir auf­fiel, wur­de die Arme lieb­los her­um­kom­man­diert, mit wenig Inter­es­se an ihrer Per­son.

Ich könn­te also zwar so ganz pri­ma — auf beque­me Art und Wei­se — die hier­ar­chi­schen Gesell­schafts­struk­tu­ren der Argen­ti­ni­er beob­ach­ten, wäre aber selbst ein Teil der Sei­te, zu der ich eigent­lich nicht gehö­ren möch­te.

Gret­chen­fra­ge.

Dol­ce Wit­wer

Seit nun­mehr fast acht­ein­halb Jah­ren gibt es in Deutsch­land die soge­nann­te Homo­ehe, die gleich­ge­schlecht­li­chen Part­ner­schaf­ten mehr Rech­te ein­räumt.
Acht­ein­halb Jah­re.

Man soll­te mei­nen, dass das genug Zeit ist, um sämt­li­che Dis­kre­pan­zen und Prä­ze­denz­fäl­le zu klä­ren.
Anschei­nend nicht, denn die­ses Urteil wur­de erst vor ein paar Tagen gefällt.

Nun fra­ge ich mich, ob Homo­se­xu­el­le ein­fach län­ger leben, oder ob Deutsch­land wirk­lich so tole­rant und offen ist, wie es sich ger­ne sieht.