All­tags­ras­sis­men Con­ti­nued oder Das Pon­ti­us-Pila­tus-Syn­drom

Neu­lich stie­ßen mir eini­ge For­mu­lie­run­gen auf der Home­page von Flix­Bus ganz übel auf. Es ging dabei eigent­lich dar­um, dafür zu wer­ben wie toll und kom­for­ta­bel die Bus­se von Flix­Bus doch sind. Das schlug sich in For­mu­lie­run­gen wie den fol­gen­den nie­der:

„In Indi­en nimmt man es gene­rell nicht so genau mit dem The­ma Ver­kehrs­si­cher­heit. Auch die Fahr­plan­aus­kunft für die Fern­bus­se und der Ser­vice sind hier kei­nes­wegs dem west­li­chen Stan­dard ange­passt. Wer schon mal in Indi­en war und das Ver­gnü­gen hat­te mit Bus­sen oder dem Zug zu fah­ren, der weiß, was Über­fül­lung wirk­lich bedeu­tet bzw. dass ein Bus, wel­cher für 20 Leu­te aus­ge­legt ist, schon mal locker 60 bis 70 Per­so­nen mit­neh­men kann. Vie­len sind auch die Bil­der bekannt, auf denen Hun­der­te von Rei­sen­den auf dem Dach der Bahn oder auf dem Fern­bus mit­fah­ren, weil der Zug selbst im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes „rap­pel­voll” ist. Ent­spannt ankom­men ist in sol­chen Län­dern dann eher sekun­där.“

„Aber auch in Euro­pa fin­den sich Bus­va­ri­an­ten wie­der, bei denen man in ers­ter Linie eher an ein Muse­um denkt als an ein siche­res, beque­mes und vor allem kom­for­ta­bles Ver­kehrs­mit­tel. Je nach Land sind die Zulas­sungs­be­din­gun­gen für Bus­se (ganz gleich wel­cher Art) doch recht ver­schie­den. Auch die Maxi­mal­gren­ze an Per­so­nen im Bus wird gera­de in süd­li­chen Län­dern anders gesetzt als in Deutsch­land. Gele­gent­lich drückt die Poli­zei bei sol­chen Bus Lini­en ger­ne mal ein Auge zu. Im Flix­Bus gibt es sowas nicht.“

„Über­füll­te Sitz­plät­ze und ähn­li­che Zustän­de fin­den sich hier zu Lan­de wie­der­um nicht. Die hie­si­gen Sicher­heits­be­stim­mun­gen wer­den sehr streng von­TÜV und Poli­zei kon­trol­liert. So kann sich der Rei­sen­de in Deutsch­land sicher sein, dass kein Fahr­gast in Fern­bus­sen ste­hen muss bzw. das Gepäck sicher ver­staut ist und nicht vor­her schon einen „Abflug” im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes macht. Auch bie­ten die Bus­se in Deutsch­land jenen Kom­fort, den man im Aus­land nur sehr sel­ten wie­der­fin­det.“

Von die­sen dis­kri­mi­nie­ren­den Aus­sa­gen ent­setzt schrieb ich sofort eine Mail an Flix­Bus:

„Sehr geehr­te Damen und Her­ren von Flix­Bus,

nach­dem ich mit ande­ren Fern­bus­li­ni­en bereits gute Erfah­run­gen gemacht habe, sah ich mich heu­te auch auf Ihrer Sei­te um.
Dabei habe ich […] jedoch erschre­cken­de State­ments ent­deckt, auf die ich Sie ger­ne hin­wei­sen möch­te.
Das State­ment, dass man es in Indi­en „gene­rell nicht so genau [neh­me] mit dem The­ma Ver­kehrs­si­cher­heit“, ist eine unbe­dach­te Ver­all­ge­mei­ne­rung, die von west­li­chem Über­le­gen­heits­den­ken und von der unre­flek­tier­ten Repro­duk­ti­on kul­tu­rel­ler Vor­ur­tei­le zeugt.
Dies wird noch deut­li­cher im fol­gen­den Satz, in dem von nicht erreich­ten west­li­chen Stan­dards die Rede ist. Die­ser Ein­druck ver­stärkt sich wäh­rend der fol­gen­den Aus­füh­run­gen und dem
abschlie­ßen­den Abstem­peln der von Ihnen gering geschätz­ten Län­der mit dem Label „in sol­chen Län­dern“.
Ihr dis­kri­mi­nie­ren­der Rund­um­schlag betrifft schließ­lich auch noch Euro­pa selbst, das nach Ihren Anga­ben ja lei­der durch man­geln­de Sicher­heit und kor­rup­te Behör­den in süd­li­chen Län­dern gekenn­zeich­net ist, die somit nicht mit dem mit­tel­eu­ro­päi­schen Stan­dard mit­hal­ten kön­nen.
Ihre Argu­men­ta­ti­ons­ket­te lässt am Ende kei­nen Zwei­fel dar­an, dass schließ­lich nur Deutsch­land das Non­plus­ul­tra an Sicher­heit bie­tet, da dies von TÜV und Poli­zei kon­trol­liert wird. Hier wird auch dem Dümms­ten klar, dass es im Aus­land von Die­ben wim­melt, die mit dem Gepäck den „Abflug“ machen. Ganz zu schwei­gen von jenem „Kom­fort, den man im Aus­land nur sehr sel­ten wie­der­fin­det“.
Ich bit­te Sie zunächst zu über­den­ken,

  • ob es mög­li­cher­wei­se noch ande­re Denk­wei­sen als die west­li­che geben könn­te,
  • wie sehr Sie mit Ihren For­mu­lie­run­gen ande­re Eth­ni­en dis­kri­mi­nie­ren, indem Sie die­se aus­gren­zen um sie dadurch min­der­wer­tig erschei­nen zu las­sen,
  • ob Sie es wirk­lich nötig haben, sich selbst her­vor­zu­tun, indem Sie gedan­ken­los Ande­re schlecht­ma­chen?

Im Anschluss soll­ten Sie m.E.n. zur Erkennt­nis kom­men, die Inhal­te eines an Kund­schaft ori­en­tier­ten Ser­vices in Zukunft vor­sich­ti­ger zu for­mu­lie­ren. Sta­tis­tisch gese­hen besteht die­se Kund­schaft näm­lich nicht zu 100 % aus den­je­ni­gen, die von Ihren in Wor­te gegos­se­nen
Ste­reo­ty­pen ver­schont blei­ben.
Ich bit­te Sie außer­dem um eine schrift­li­che Stel­lung­nah­me.

Vie­len Dank und mit freund­li­chen Grü­ßen,
[ann­alpha­be­tin]“

Zuge­ge­ben, ich woll­te auf­rüt­teln. Vier Tage spä­ter erhielt ich die (trotz­dem recht net­te) fol­gen­de Ant­wort:

„Hal­lo [ann­alpha­be­tin],

unse­re Kol­le­gen vom Kun­den­ser­vice hat­ten mir Dei­ne Nach­richt wei­ter­ge­lei­tet.
Vie­len Dank für Dein kri­ti­sches Feed­back. Eini­ge unse­rer Sei­ten für den Online-Auf­tritt wur­den von spe­zi­el­len Con­tent-Agen­tu­ren ver­fasst und reprä­sen­tie­ren nicht die Mei­nung von Flix­Bus.
Kei­nes­falls beab­sich­ti­gen wir durch die von Dir ange­spro­chen Wort­wahl ande­re Eth­ni­en, Län­der oder Kul­tu­ren zu dis­kri­mi­nie­ren oder möch­ten die deut­schen Stan­dards als „Non­plus­ul­tra“ dar­stel­len.
Wir dan­ken Dir für Dei­nen Hin­weis. Die von Dir geschil­der­ten Pas­sa­gen wer­den schnellst­mög­lich über­ar­bei­tet.
Falls Du noch Fra­gen hast, ste­he ich Dir ger­ne jeder­zeit zur Ver­fü­gung.

Herz­li­che Grü­ße,
[Ansprech­part­ne­rin]“

Zunächst mal ist es ja lobens­wert, dass sich tat­säch­lich drum geküm­mert und die Sache nicht aus­ge­ses­sen wird – auch wenn ich es komisch fin­de, dass ich auf mei­ne for­ma­le Anfra­ge hin geduzt wer­de. Bezeich­nend fin­de ich aller­dings die Ein­stel­lung, die ich mal als Pon­ti­us-Pila­tus-Syn­drom bezeich­nen möch­te, das sich mei­ner Mei­nung nach in Deutsch­land breit­macht. Eine Con­tent-Agen­tur zu beauf­tra­gen, ohne die Con­tents hin­ter­her noch­mal zu prü­fen, erin­nert mich stark an die „Ich wasche mei­ne Hän­de in Unschuld“-Sache. Das ist ja fast so, wie wenn man ein Kon­to in der Schweiz eröff­net und sich dann wun­dert, wenn der deut­sche Fis­kus anklopft. Oder wie wenn man eine Dok­tor­ar­beit schreibt und sich dann wun­dert, wenn man zum Star diver­ser Plag-Wikis avan­viert. Oder wie wenn man der USA alle Türen öff­net und sich dann wun­dert, wenn die­se auch die Hin­ter­tür­chen benutzt. Oder wie wenn…

Nun ja. Nur weni­ge Tage spä­ter sind die Con­tents auf Flix­Bus geän­dert wor­den und haben jetzt einen neu­tra­le­ren Inhalt. Bei­spiel­wei­se ist jener „Kom­fort, den man im Aus­land nur sehr sel­ten wie­der­fin­det“ jetzt jener „Kom­fort, den man sich auch für so man­che Mit­fahr­ge­le­gen­heit wün­schen wür­de“. Und Indi­en und die süd­li­chen Län­der Euro­pas kom­men auch unbe­schol­ten davon.

Manch­mal hilft halt echt nur beschwe­ren.

Und schon ver­las­sen mich die Damen wie­der…

Es hat am Sonn­tag tat­säch­lich geklappt: Wir konn­ten die Rui­nen der Quil­mes-India­ner bewun­dern. An einem Hang gele­gen erstre­cken sich die übrig­ge­blie­be­nen Grund­ris­se bis auf die Hügel­spit­ze, dazwi­schen kann man ein biss­chen rum­kra­xeln, muss aber auf die Lamas ach­ten, die dort äsen und spu­ckend ihr Revier ver­tei­di­gen.

Nach­dem wir dann den Rest der Zeit in Cafa­ya­te kunst­hand­werks­shop­pend ver­brach­ten (man kann sich schon mal einen hand­ge­klöp­pel­ten Tep­pich gön­nen, wenn man nur ein begrenz­tes Gewicht an Gepäck nach Deutsch­land zurück mit­neh­men darf) kamen wir ges­tern abend wie­der gesund und mun­ter in Tucumán an. Begrüßt wur­den wir — nach den tro­cke­nen, son­ni­gen und hei­ßen Tagen in Cafa­ya­te — von Regen und Feuch­tig­keit. Auf der Fahrt über eine Berg­ket­te tritt man ab Tafí del Val­le rich­tig­ge­hend in die Wol­ken­ber­ge ein, die sich dies­seits abreg­nen. Der Schim­mel in mei­nem Zim­mer ist lei­der auch immer noch da.

Heu­te ver­brach­ten wir den letz­ten ver­reg­ne­ten Tag mit dem B1-Deutsch­kurs, dem wir als Übungs­per­so­nen zur frei­en Kom­mu­ni­ka­ti­on dien­ten. Über die mit­ge­brach­ten Gum­mi­bär­chen freu­ten sich die Deutsch­ler­ner nicht nur, son­dern kön­nen jetzt auch das Hari­bo-Lied sin­gen (nee, is schon didak­tisch wert­voll, denn mit dem „eben­so” lernt man eine wich­ti­ge Flos­kel zum sich bedan­ken).

Mor­gen Mit­tag neh­men mei­ne Lie­ben zunächst den Bus nach Cór­do­ba, wo sie ihre letz­te Nacht in Argen­ti­ni­en ver­brin­gen. Hof­fent­lich kön­nen sie sich wie­der so gut ohne jeg­li­che Spa­nisch­kennt­nis­se durch­schla­gen wie bei der Ankunft.

Eine wei­te­re Hiobs­bot­schaft gibt es aber schon: Der Flug geht nicht direkt nach Madrid, son­dern lan­det zwi­schen in Rio de Janei­ro. Ob sie ihren Anschluss­flug in Madrid nach Frank­furt bekom­men, bleibt frag­lich.

Frech­heit, dann hät­ten sie ein latein­ame­ri­ka­ni­schen Land mehr als ich bereist, und das in kür­zes­ter Zeit!

Wie neu­ge­bo­ren

Ich füh­le mich gera­de wie neu­ge­bo­ren. Ab Don­ners­tag besu­chen mich näm­lich mei­ne Mut­ter und mei­ne Schwes­ter.  Sie kom­men vor­mit­tags in Cór­do­ba an, wes­halb ich einen Flug von Tucumán nach Cór­do­ba mit der Flug­ge­sell­schaft Sol gebucht hat­te.

Heu­te mor­gen erhielt ich eine E‑Mail, dass mein Flug jedoch gestri­chen wur­de. Im ers­ten Moment reg­te ich mich natür­lich tie­risch auf und woll­te, dass sie mir einen ande­ren (bes­se­ren) Flug anbie­ten. Als ich dies mei­ner Mit­be­woh­ne­rin erzähl­te, berich­te­te sie mir, dass es vor ein paar Wochen zu einem Flug­zeug­ab­sturz ohne Über­le­ben­de bei Sol gekom­men war, und das zum wie­der­hol­ten Male.

Lie­bens­wer­ter Wei­se rief mei­ne Mit­be­woh­ne­rin bei der Hot­line an und fand her­aus, dass mein Flug­zeug vom glei­chen Typ wie die abge­stürz­te Maschi­ne gewe­sen wäre. Einen Ersatz­flug am sel­ben Tag mit Sol lehn­te ich ab und las­se mir nun lie­ber das Geld für den Flug erstat­ten.

Somit fah­re ich jetzt am Don­ners­tag mal wie­der mit dem Bus. Das dau­ert zwar län­ger, aber er kommt wenigs­tens an.

Übri­gens: Der Name „Sol“ erin­nert mich an Ika­rus, der auch zu nah an die Son­ne her­an flog und dann abstürz­te.

Aus­rei­se­rin

Die Rei­se aus­ge­rech­net nach San­tia­go de Chi­le hat­te meh­re­re Vor­tei­le: Ich konn­te mein 90-Tage-Tou­ris­ten­vi­sum für Argen­ti­ni­en erneu­ern und lern­te die Fami­lie eines Freun­des ken­nen, denn bei ihr ver­brach­te ich die paar Tage in der 5‑Mil­lio­nen-Haupt­stadt.

Schon die Hin­fahrt war mal wie­der ein beson­de­res Erleb­nis. Auf der Land­kar­te scheint die Stre­cke gar nicht so lang, aber man fährt zunächst ein­mal von Tucumán nach Men­do­za — 12 Stun­den im Nacht­bus — und danach sind es von Men­do­za nach San­tia­go immer noch 6 Stun­den quer über die Anden.

Für ein paar Euren mehr habe ich mich in die Ers­te Klas­se des Nach­bus­ses ein­ge­bucht. Wer sich die First Class im Flug­zeug nicht leis­ten kann, soll­te das auch mal aus­pro­bie­ren, denn schlech­ter als im Flie­ger war es mit Sicher­heit nicht. Wir wur­den von oben bis unten betü­delt, man zeig­te wie­der Fil­me, zum Abend­essen gab es ein Drei-Gän­ge-Menü mit Sekt und Wein. Und auf den best­ge­pols­ter­ten Sit­zen der Welt, die sich fast waag­recht aus­klap­pen las­sen, schläft es sich sogar ver­hält­nis­mä­ßig ange­nehm.

Fährt man von Men­do­za nach Chi­le, muss man auf 2200 m Höhe am Grenz­über­gang „Los Libertado­res” vor­bei. Das ist einer der unan­ge­nehms­ten Arbeits­or­te für Grenz­be­am­te, und auf­grund der Höhe, der Käl­te und der Abge­schie­den­heit sind sie dort immer nur einen Monat sta­tio­niert. Bei der Ein­rei­se nach Chi­le müs­sen übri­gens stren­ge Ein­fuhr­be­stim­mun­gen beach­tet wer­den, denn es gibt dort kei­ne Frucht­flie­gen, und das soll dank Ein­fuhr­ver­bot von orga­ni­schen Mate­ria­li­en (Äpfel, Tee, Was­ser, Holz, usw.) auch so blei­ben.

Der Name „Los Libertado­res” (Die Befrei­er) kommt von den Män­nern — dar­un­ter Gene­ral San Mar­tín — die Anfang des 19. Jahr­hun­derts den sel­ben Weg über die Anden mar­schiert sind, um in den Schlach­ten von Cha­ca­bu­co und Maipú die Unab­hän­gig­keit Chi­les und Argen­ti­ni­ens zu erkämp­fen. An die­sem Wis­sen kommt hier nie­mand vor­bei, denn in jeder Stadt sind die Stra­ßen gleich benannt, sodass es immer die Cal­les San Mar­tín, Batal­la de Cha­ca­bu­co und Maipú gibt; qua­si die Bahn­hofs­stra­ße Süd­ame­ri­kas.

In San­tia­go de Chi­le muss man dann Glück haben, dass man einen Tag ohne Smog erwischt. Das hat­te ich natür­lich nicht, als wir auf den Cer­ro San Cris­tóbal fuh­ren, und so blieb mir die spek­ta­ku­lä­re Sicht auf die Andenket­te ver­wehrt. Dafür gab es als Kom­pen­sa­ti­on aber auf dem Gip­fel mal wie­der — welch Wun­der — eine vir­gen zu bestau­nen. Ins Zen­trum konn­te ich an die­sem Tag nicht, denn der 21. Mai San­tia­gos ist der 1. Mai Ber­lins; wäh­rend der Prä­si­dent sei­nen Jah­res­be­richt vor­trug, gab es in der Innen­stadt gewalt­tä­ti­ge Pro­tes­te und bren­nen­de Autos.

Sonn­tags nahm mich die Fami­lie mit auf einen Aus­flug ans Meer. Es war wirk­lich schön, nach all den Ber­gen auch mal wie­der Was­ser zu sehen. Viña del Mar und Val­pa­raí­so sind Rück­zugs­or­te an der Pazi­fik­küs­te, in die sich die San­tia­gui­nos vor dem Smog flüch­ten. Ers­te­rem fehlt als geho­be­ner Tou­ris­ten­ort aller­dings der Charme, den der Künst­ler­ort Val­pa­raí­so mit sei­nen tau­send Hügeln und sei­nen in allen Far­ben der Welt gestri­che­nen Häu­sern auf­weist.

Am Mon­tag hat­te ich wie­der kein Glück, da auch in Chi­le die Muse­en mon­tags zu sind und ich so im Zen­trum nur ein beschränk­tes Ange­bot an Zer­streu­ung fand. Trotz­dem konn­te ich ein biss­chen umher­lau­fen und einen Ein­druck von San­tia­go bekom­men.

Über­haupt ist Chi­le — oder wenigs­tens San­tia­go — eine Mischung aus Deutsch­land und den USA. Wer ger­ne nach Süd­ame­ri­ka rei­sen möch­te, sich aber nicht so rich­tig traut, soll­te dort­hin fah­ren. Die Ähn­lich­keit fällt in vie­len Details auf: Den glei­chen Stra­ßen­schil­dern (Auto­bahn­schil­der sind blau), der ähn­li­chen Men­ta­li­tät (es wird um 19 Uhr geges­sen), der gut aus­ge­bau­ten Infra­struk­tur und dem Vor­han­den­sein von Fahr­plä­nen, den hohen Prei­sen sowie der All­ge­gen­wart von eng­li­schen Begrif­fen im Bild der Stadt. Das ist wahr­schein­lich nicht in ganz Chi­le so, aber San­tia­go ist auf jeden Fall eine Abwechs­lung zum Durch­ein­an­der Argen­ti­ni­ens. Im Ver­gleich zu San­tia­go ist Argen­ti­ni­en wirk­lich ein Drit­te-Welt-Land. Was aber auch dort vor­herrsch­te, war die Bewun­de­rung der euro­päi­schen und deut­schen Kul­tur und die Bli­cke und Kom­pli­men­te, die man als blon­de Frau bekommt.

Ins­ge­samt war es eine schö­ne Rei­se, die Fami­lie des Freun­des hat mich auf­ge­nom­men wie ein Fami­li­en­mit­glied und bestä­tig­te das latein­ame­ri­ka­ni­sche Kli­schee der unein­ge­schränk­ten Gast­freund­schaft­lich­keit. Zum Abschied bekam ich zwei Tafeln Scho­ko­la­de „Sah­ne-Nuss” (im Ernst, das steht da drauf) und eine Fla­sche Pis­co, der Natio­nal­schnaps der Chi­le­nen, geschenkt. Als wäre mei­ne Beher­ber­gung nicht schon Geschenk genug gewe­sen!

 

 

 

 

Ein Hoch auf uns­re Bus­fah­rer!

Vor genau einem Jahr habe ich mich über die zwi­schen­mensch­lich-sozi­al desen­si­bi­li­sier­ten Bus­fah­rer Pots­dams mokiert. Ich muss mei­ne Ansicht mitt­ler­wei­le aber bis zu einem gewis­sen Grad revi­die­ren. Zwar hat sich ver­hal­tens­tech­nisch nichts geän­dert, aber der dies­jäh­ri­ge Win­ter, der mal wie­der alle über­rascht hat, weil er viel zu schnell und viel zu inten­siv kam (man gewöhnt sich ein­fach nie dran, kaum kommt der Dezem­ber — schwupps! ist auch schon Win­ter), lie­fert eine klei­ne Ent­schul­di­gung für das Ver­hal­ten der Bus­fah­rer: sie sind näm­lich gestresst.

Und da durf­te ich doch tat­säch­lich inner­halb weni­ger Wochen zwei Glanz­leis­tun­gen der loka­len Fah­rer beob­ach­ten, die mei­ne Bewun­de­rung her­vor­rie­fen und mei­ne Moti­va­ti­on, sie wei­ter­hin freund­lich zu grü­ßen, stei­ger­te. Bei­de Vor­fäl­le fan­den auf dem abend­li­chen Heim­weg vom sehr abseits gele­ge­nen Cam­pus Golm statt:

Das ers­te Mal woll­te sich der Bus wie gewöhn­lich durch die schmal­ge­bau­te 30er-Zone des Gol­mer Wohn­ge­biets schlän­geln. Als der 15m lan­ge Gelenk­bus schon um die Kur­ve gebo­gen war, stör­te dann doch das eine falsch­ge­park­te Auto und wir steck­ten fest. Jeg­li­ches Vor- und Zurück­sto­ßen ver­schlim­mer­te die Lage nur. Auch dass wir Fahr­gäs­te ver­such­ten, das Auto weg­zu­tra­gen, trug nicht posi­tiv zur Ver­än­de­rung der Situa­ti­on bei. Schließ­lich schaff­te es der Bus­fah­rer durch mil­li­me­ter­ge­nau­es Ran­gie­ren, den Bus und damit uns aus der miss­li­chen Lage zu befrei­en. Echt eine Wahn­sinns­leis­tung.

Das zwei­te Ereig­nis erleb­te ich, als es abends anfing zu schnei­en, nach­dem den gan­zen Tag lang Gra­de um die Null über­all Schnee­matsch ver­ur­sacht hat­ten. Die Stra­ße war also extrem glatt und lei­der befin­det sich die Bus­hal­te­stel­le genau in einer Sen­ke, sodass man bei die­sem Wet­ter Anlauf neh­men muss, um wie­der aus der Sen­ke her­aus­zu­kom­men. Die­sen Anlauf hat­te der Bus aber nicht (weil er ja hal­ten muss­te, um uns ein­zu­sam­meln). Des­halb muss­te der Fah­rer drei­mal mit sei­nem Rie­sen­ge­lenk­bus zurück­sto­ßen, bis er auf der ande­ren Sei­te so weit die Sen­ke wie­der rauf­ge­krab­belt war, dass er genug Anlauf neh­men konn­te. Die Ver­kehrs­in­sel in der Mit­te der Stra­ße, die die Spur noch ver­schmä­ler­te, trug nicht hel­fend zur Ver­bes­se­rung der Umstän­de bei. Als der Bus­fah­rer das Hin­der­nis über­wun­den hat­te und wir unse­ren Weg fort­set­zen konn­ten, klatsch­ten wir alle bewun­dernd wie Tou­ris­ten in einem Mal­lor­caf­lie­ger, wenn der Pilot gelan­det ist.

Des­halb also mei­ne neu­en Vor­sät­ze für die­ses Jahr: Nach­sich­tig sein, auch wenn die sozia­le Kome­pe­tenz der Pots­da­mer Bus­fah­rer mal wie­der auf dem Tief­punkt ange­kom­men ist; sie habens halt echt nicht leicht.