Iden­ti­täts­kri­se?

Als ich für ein hal­bes Jahr in Eng­land war, hat­te ich in den ers­ten zwei Mona­ten eine klei­ne Iden­ti­täts­kri­se: Obwohl ich Eng­lisch sprach, konn­te ich mich in der frem­den Spra­che nicht in gewünsch­tem Gra­de aus­drü­cken. Ich hat­te also das Gefühl, mei­ne eng­li­schen Mit­be­woh­ner ler­nen mich nicht so ken­nen, wie ich wirk­lich bin, denn dazu fehl­te ein­fach der sprach­li­che Fein­schliff. Lin­gu­is­ti­sche Vor­lie­ben wie Wort­wit­ze muss­ten da erst­mal zurück­ste­cken. Hin­zu kam ein leich­ter Kul­tur­schock.

Das gab sich aller­dings nach zwei Mona­ten und ich konn­te mei­ne eige­ne eng­li­sche Iden­ti­tät ent­wi­ckeln, die ich jetzt immer noch gern raus­kra­me, wenn ich mich mit Eng­län­dern unter­hal­te. Das Gan­ze hat ein biss­chen was Schi­zo­phre­nes.

Nun bin ich gespannt, wie es mir in Argen­ti­ni­en erge­hen wird. Ich spre­che zwar Spa­nisch, aber in weit gerin­ge­rem Maße als Eng­lisch. Das hof­fe ich natür­lich in vier Mona­ten ändern zu kön­nen. Ich erwar­te also, nach einer anfäng­li­chen mit­tel­schwe­ren Iden­ti­täts­kri­se eine argen­ti­ni­sche Per­sön­lich­keit zu ent­wi­ckeln. Wenns gut läuft, sind wir dann am Ende zusam­men mit mei­ner deut­schen Iden­ti­tät zu dritt, da ist ja dann wohl mal ne Skat­run­de ange­bracht. Schi­zo­ph­re? Nie!

Abschre­cken­de Tag­träu­me

Manch­mal denkt man so vor sich hin. Nichts Beson­de­res, man stellt sich ein­fach irgend­wel­che Sachen vor. Was man gera­de erlebt hat oder noch erle­ben möch­te. Wenn man in dem Moment  gefragt wird, was man gera­de so denkt, da habe ich bis­her immer gesagt: „Ich den­ke nur an etwas.” Mein Gegen­über möch­te dann im Nor­mal­fall immer wis­sen, was das ist, an das ich gera­de den­ke. Wenn ich dar­auf­hin ver­su­che, mei­ne Gedan­ken zu beschrei­ben, wird es meis­tens pein­lich, weil es immer irgend­wel­che irrele­van­ten Ide­en sind, die noch nicht bereit für die Kund­ge­bung an die Öffent­lich­keit sind. Von Bana­li­tät mal ganz zu schwei­gen.

Wür­de man aber ein­fach auf die Fra­ge ant­wor­ten: „Ich träu­me nur so vor mich hin.”, wäre die gan­ze Sache ein­fa­cher; denn Tag­träu­me wecken nor­ma­ler­wei­se weni­ger Neu­gier. Mit bei­den Aus­sa­gen spricht man also nicht die Unwahr­heit, letz­te­re ist durch sei­nen abschre­cken­den Cha­rak­ter aber vor­zu­zie­hen, da man sich die Pein­lich­keit erspart, ande­ren Ein­blick in sein Gedan­ken-Durch­ein­an­der zu gewäh­ren.

P.S.: Das Gan­ze gilt selbst­ver­ständ­lich nicht für die­sen Blog, da ich hier natür­lich nur durch­dach­te, hoch­qua­li­fi­zier­te Gedan­ken ver­öf­fent­li­che.

L’en­fer c’est les autres

Nach­dem ich nach län­ge­rer Zeit mal wie­der Huis Clos (dt. Geschlos­se­ne Gesell­schaft) von Jean-Paul Sart­re gele­sen habe, ist mir mit mit­tel­schwe­rem Enset­zen auf­ge­fal­len, wie wahr und anwend­bar sei­ne Theo­rie des zwi­schen­mensch­li­chen Mit­ein­an­ders ist.

Drei Per­so­nen, Gar­cin, Inès und Estel­le, sind dazu ver­ur­teilt, bis in alle Ewig­keit in einem Raum zusam­men zu sein. Sie ver­su­chen sich zu arran­gie­ren, doch jeder Ver­such schei­tert an der Anwe­sen­heit der zwei­ten oder drit­ten Per­son. Als am Ende die Mög­lich­keit eines Aus­bruchs gege­ben ist, schaf­fen sie auch das nicht. Sie kön­nen also weder mit­ein­an­der noch ohne ein­an­der. Das ist die Höl­le.

Die­se Sti­li­sie­rung der Gesell­schaft emp­fin­de ich als tref­fend, woll­te nicht jeder schon aus den Zwän­gen der Kon­ven­ti­on aus­bre­chen und hat sich letzt­end­lich nicht doch wie­der reu­ig von der Beur­tei­lung der Ande­ren zurück­ho­len las­sen?

Das Erschre­cken­de an Huis Clos fin­de ich, dass man sich selbst in jeder der 3 dar­ge­stell­ten Posi­tio­nen wie­der­fin­det.
Ers­tens ist man „man selbst”, abhän­gig von einer zwei­ten Per­son, von deren Mei­nung man unwei­ger­lich beein­flusst wird. Eini­ge Men­schen behaup­ten, dass ihnen die Mei­nung ande­rer egal sei, doch das kann nie stim­men. Hebt sich jemand zum Bei­spiel durch auf­fäl­li­ge Klei­dung von der Mas­se ab, ist dies immer ein Akt der Indi­vi­dua­li­sie­rung, er/sie pro­vo­ziert die Mei­nungs­bil­dung ande­rer sogar.
Zwei­tens ist man in glei­chem Maße die beein­flus­sen­de Per­son, man wird selbst zum Kri­ti­ker oder Beein­flus­ser, auch wenn man das gar nicht möch­te.
Schließ­lich ist man auch immer ein „Drit­ter”, man fin­det sich als Beob­ach­ter und Bein­flus­ser wech­sel­sei­ti­ger Bezie­hun­gen ande­rer wie­der.
Auch wenn man die Nach­tei­le die­ses Teu­fels­krei­ses erkannt hat, gibt es kei­ne Mög­lich­keit dar­aus aus­zu­bre­chen, will man nicht als Ein­sied­ler leben. Wie Sart­re so schön schreibt: wie Karus­sell­pfer­de, die im Kreis hin­ter­ein­an­der her­ren­nen, sich aber nie ein­ho­len kön­nen.

Das ist für mich das Schlim­me, dass man kei­ne ande­re Wahl hat, als die­se Sinn­lo­sig­keit zu akzep­tie­ren: „Also, machen wir wei­ter.”