Tucumán, mach es mir nicht so schwer!

Zum krö­nen­den Abschluss durf­te ich heu­te noch den Natio­nal­fei­er­tag in Tucumán ver­brin­gen. Es war zwar nicht so viel los wie gedacht, aber einen Gau­cho-Auf­marsch konn­te ich trotz­dem mit­er­le­ben. Jetzt muss ich aber schnell schla­fen, denn…

…in sechs­ein­halb Stun­den — wenn mir kei­ne Asche­wol­ke dazwi­schen kommt — ver­las­se ich Tucumán, vor­aus­sicht­lich für lan­ge Zeit, Rich­tung Bue­nos Aires.

Ich habe nicht nur ges­tern einen tol­len Tag mit Freun­den ver­bracht, die mich dann gleich in ihrem Haus schla­fen lie­ßen (end­lich mal wie­der eine geschei­te Dusche!), son­dern war gera­de noch mit mei­ner öster­rei­chi­schen Freun­din und mei­nen Mit­be­woh­nern aus. Und wie immer, wenn mich die Nost­al­gie über­kommt, fin­de ich alles ganz toll und sehe die Schat­ten­sei­ten nicht mehr.

Und das ist auch gut so, denn so den­ke ich an Tucumán zurück, wie es fast immer war. Ein schö­ner Ort, an dem tol­le Men­schen woh­nen und man sehr gut vier Mona­te ver­brin­gen kann.

Auf Wie­der­se­hen Tucumán, ich behal­te dich in bes­ter Erin­ne­rung!

So nicht, Freund­chen!

Zum Schluss will mich Argen­ti­ni­en noch ein­mal kräf­tig ärgern.

Ich habe bereits ange­deu­tet, dass hier nichts funk­tio­niert und man auf alles ewig war­ten muss. Die­se Woche muss­te ich mich gleich drei­mal der Dys­funk­tio­na­li­tät des Lan­des beu­gen.

Ein Paket, das vor einem Monat in Deutsch­land abge­schickt wur­de (mein Geburts­tags­ge­schenk), ist immer noch nicht ange­kom­men. Weil der Zoll in die­sem Moment schließt und nur diens­tags und don­ners­tags offen hat, wer­de ich vor mei­nem Geburts­tag nicht mehr in des­sen Besitz kom­men. Immer­hin, eine Freun­din wird mit einer von mir erstell­ten Voll­macht ver­su­chen, doch noch an das Päck­chen zu gelan­gen.

Wei­ter­hin dau­ert es im Fach­ge­schäft für Video­tech­nik sage und schrei­be eine Woche, bis man ein Video auf eine DVD über­spielt hat. Die­se Arbeit konn­te ich also auch nicht mehr erle­di­gen.

Und dann scheint der ach so har­te Win­ter (in der Son­ne schwitzt man dann doch mit Jacke) der regel­mä­ßi­gen Was­ser­lie­fe­rung im Wege zu ste­hen.

Zur Erklä­rung: Es gibt hier nicht so etwas wie nor­ma­le Lei­tun­gen, aus denen wie durch Zau­be­rei in uner­schöpf­li­chem Reich­tum Was­ser fließt. Nein, hier wird man noch der wahn­sin­ni­gen Leis­tung euro­päi­scher Infra­struk­tur gewahr, denn jede Nacht, so gegen Geis­ter­stun­de, plät­schert es plötz­lich über, neben, unter einem. Das sind die flei­ßi­gen Bien­chen der Was­ser­wer­ke, die die Tän­ke — jedes Haus teilt sich einen Tank — mit Was­ser befül­len. Weil das aber nicht immer so klappt, waren wir die­se Woche mal wie­der einen gan­zen Tag ohne Was­ser. Dadurch kann sich alles — waschen, kochen, Zäh­ne put­zen, aufs Klo gehen — äußerst schwie­rig gestal­ten.

Prag­ma­ti­scher­wei­se haben wir Dut­zen­de im Vor­feld befüll­te Was­ser­ka­nis­ter her­um­ste­hen. Trotz­dem sieht man bei die­ser Ange­le­gen­heit deut­lich die sozia­le Sche­re, bei der in Argen­ti­ni­en wohl das Schräub­chen in der Mit­te fehlt: Wir woh­nen in einem Vier­tel mit nor­ma­len Leu­ten (unte­re Mit­tel­schicht), wäh­rend die High Socie­ty in den Vor­städ­ten im Nor­mal­fall kei­ne Pro­ble­me mit der Was­ser­be­lie­fe­rung hat.

Argen­ti­ni­en zeigt mir also noch­mal, was es so drauf hat. Aber nicht mit mir Freund­chen! Bei allen Unan­nehm­lich­kei­ten, Schwie­rig­kei­ten, Ver­zö­ge­run­gen und Stei­nen im Weg… ich mag dich trotz­dem!

Die letz­ten Male

Weil nun die letz­te Woche in Tucumán anbricht, mache ich somit auch alles zum let­zen Mal.

Zum letz­ten Mal Sprech­stun­de haben.
Zum letz­ten Mal das Semi­nar über die deut­sche Spra­che und Kul­tur hal­ten.
Zum letz­ten Mal Nach­hil­fe geben.
Zum letz­ten Mal Bus fah­ren.
Zum letz­ten Mal Wäsche waschen.
Zum letz­ten Mal in den Super­markt gehen.
Zum letz­ten Mal ganz vie­le lie­be Leu­te sehen.

Und am Sams­tag war für mich das letz­te Mal Stamm­tisch. Zum Schluss (was eigent­lich nur der Schluss in jenem Lokal war, denn wir zogen danach noch wei­ter) saßen wir zu viert, wein­trin­kend und rau­chend, und die ande­ren drei anwe­sen­den Argen­ti­ni­er unter­hiel­ten sich über die deut­sche Men­ta­li­tät. Sie stell­ten fest, dass der Unter­schied zwi­schen der deut­schen und der argen­ti­ni­schen Men­ta­li­tät fol­gen­der ist: Hier ist man immer schnell Freund mit jeman­dem, die per­sön­li­che Distanz ist eher gering. Die drei — die alle schon ein­mal in Deutsch­land waren — waren geschlos­sen der Mei­nung, dass es zwar ewig dau­ert, bis man an die Deut­schen her­an­kommt. Hat man aber erst Freund­schafts­ban­de geknüpft, wer­den die­se wahr­schein­lich nie wie­der gelöst.

Mir ist schon in frü­he­ren Gesprä­chen mit Leu­ten aus ande­ren Län­dern die­ser Umstand berich­tet wor­den, aber trotz­dem hat es mich doch am Sams­tag ein biss­chen gerührt.

Gefühls­cha­os

Ein biss­chen durch­ein­an­der gehts mit mir grad schon. Als ich im März ankam, ent­floh ich dem sehr kal­ten dies­jäh­ri­gen Win­ter in Deutsch­land und wur­de hier zwar mit Regen, aber dafür war­men Tem­pe­ra­tu­ren emp­fan­gen.

Jetzt aber, Ende Juni, sit­ze ich schon wie­der in win­ter­li­chen Zustän­den rum, berei­te ein Win­ter­lied für das Semi­nar mor­gen vor und freue mich auf Weih­nach­ten.

Und täg­lich grüßt die sel­be Lei­er

Die­ses Wochen­en­de kam in Gesprä­chen mit deutsch­spra­chi­gen Tucumán-Bewoh­nern zufäl­li­ger­wei­se mehr­mals das sel­be The­ma auf.

Wenn man in Argen­ti­ni­en (und spe­zi­ell in Tucumán) jeman­den ken­nen­lernt, braucht man noch nicht ein­mal den Mund auf­zu­ma­chen und schon wer­den einem immer die glei­chen drei Fra­gen gestellt:

¿De dón­de sos? (Wo kommst du her?)
¿Hace cuán­do que estás acá? (Seit wann bist du hier?)
¿Te gus­ta Tucumán? (Gefällt dir Tucumán?)

Unge­zähl­te Male des Hörens der immer iden­ti­schen Fra­gen — und merk­wür­di­ger­wei­se immer in der­sel­ben For­mu­lie­rung — hel­fen einem, aus­ge­klü­gel­te Ant­wor­ten zu fin­den. Dabei kann man nicht nur mit sei­ner wie aus der Pis­to­le geschos­se­nen Ant­wort glän­zen, son­dern fin­det jedes Mal auch bes­se­re Mög­lich­kei­ten, um Kri­tik diplo­ma­tisch zu for­mu­lie­ren.

So ist mei­ne Ant­wort auf die letz­te Fra­ge immer:

Sí mucho, pero el cli­ma me mata. (Ja sehr, aber das Kli­ma macht mir zu schaf­fen.)

Man kann sich auch den Spaß dar­aus machen, auf die letz­te Fra­ge mit „no” zu ant­wor­ten. Das bringt die meis­ten Fra­ge­stel­ler aus der Bahn und zum Been­den des Gesprächs.

Für mich, die ich nur vier Mona­te in Tucumán bin, ist das nicht ganz so schlimm. Eine öster­rei­chi­sche Stu­den­tin jedoch, die schon 6 Jah­re hier ist und per­fekt tucu­ma­no bási­co spricht, lei­det schon län­ger unter der alten Lei­er. Sie lässt sich daher sto­isch die Ant­wor­ten aus der Nase zie­hen und ent­geg­net auf die drit­te Fra­ge:

Obvia­men­te. (Offen­sicht­lich.)

Mei­ne Über­schla­gun­gen haben erge­ben, dass bei vier­mo­na­ti­gem Auf­ent­halt, in dem mir ca. 30 Mal genau die­se Fra­gen gestellt wur­den, ihr bei 6 Jah­ren hier 720 mal das sel­be pas­siert sein muss.

Sie hat beschlos­sen, ihre Dok­tor­ar­beit zu die­sem The­ma zu schrei­ben.